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Flexible Autonutzung als berufliche Anforderung

Individuelle Mobilität, die Fähigkeit mit dem Auto selbständig und sicher Arbeitswege bewältigen und berufliche Aufgaben umsetzen zu können, ist von entscheidender Bedeutung für die berufliche Teilhabe behinderter Menschen. Über eine Million behinderte Menschen in Deutschland nutzen aktiv einen Pkw. Für die Teilhabe am Berufsleben ist die Möglichkeit der Nutzung des motorisierten Individualverkehrs (MIV) oft eine notwendige Voraussetzung.

Jedem Wegezweck lässt sich ein charakteristisches Verkehrsmittelnutzungsprofil zuordnen. Arbeitswege und dienstliche Wege weisen besonders hohe Anteile an Pkw-Wegen auf.

Studie Mobilität in Deutschland 2008

Der tägliche Weg zur Arbeit wird von 70 % der Arbeitnehmer mit dem Pkw zurückgelegt. Auch um dentäglichen Mobilitätsbedarf während der Arbeitszeit zu bewältigen, ist das Auto unabdingbar. Bei 88 % der regelmäßigen dienstlichen Wege sowie bei 85 % der innerdeutschen Geschäftsreisen greifen Arbeitnehmer hauptsächlich auf das Auto zurück.

Die Möglichkeit zur eigenständigen Bewältigung von Arbeitsweg und anfallenden dienstlichen Wegen mittels Pkw ist für Arbeitnehmer in der modernen Arbeitswelt nicht optional, sondern stellt zunehmend eine notwendige Voraussetzung zur Teilhabe am Arbeitsleben dar. Dies ist – neben der Tatsache, dass viele Arbeitsplätze ohne Pkw schlicht nicht zu erreichen sind – durch die in den letzten Jahren europaweit zu verzeichnenden, zunehmenden Mobilitätsanforderungen im Arbeitsleben bedingt.

Mobilität wird im Zuge der aktuellen Entwicklungen zunehmend zu einer expliziten Arbeit und Arbeitsanforderung eigener Art.

Prof. Dr. Günther Voß (Arbeitssoziologe, TU Chemnitz)

Hier spielen zum einen die erhöhte Anzahl von Arbeitsplatzwechseln und die größeren Entfernungen, die zum Arbeitsplatz von Erwerbstätigen zurückgelegt werden müssen, eine Rolle. Um weiterhin am Berufsleben teilhaben zu können, wird ein Umzug, längere Abwesenheit vom Wohnort oder aber das ständige Pendeln oder Fernpendeln zum Arbeitsort notwendig. In Deutschland werden bereits 19 % Prozent der Arbeitnehmer zu dieser Gruppe der berufsbedingt „mobilen“ gezählt. Während im Jahr 1995 erst 31 % der Vollzeitbeschäftigten zum Arbeitsplatz pendelten, waren es zehn Jahre später schon 39 % – bei weiter steigender Tendenz.

Zum anderen hat die Bedeutung von dienstlichen Wegen und Geschäftsreisen sich strukturell gewandelt: In der modernen „Dienstleistungsgesellschaft“ steigen die Anforderungen an Kundenkontakt und Service und machen eine kontinuierliche und flexible Teilnahme am motorisierten Individualverkehr unabdingbar. So wurden im Jahre 2008 48 % aller dienstlichen Reisen auf Grund von Verkaufsgesprächen, Kundenbesuchen etc. getätigt.

Die Auswertung dieser Information zeigt, dass 48 % der Geschäftsreisen aus dem Reiseanlass Verkaufsgespräch, Kundenbesuch, Außendienst und Vertreterbesuch stattfinden. 21 % der Reisen finden zu Beratungs- und Präsentationsterminen statt.

Studie Geschäftsreisende 2009

Im Zuge des lebenslangen Lernens in der „Wissensgesellschaft“ ist außerdem die Teilnahme an Schulungen und Fortbildungen ein wichtiger Reiseanlass. 14 % der Reisen finden auf Grund von Schulungen, Seminaren und Fortbildungen statt. Um in einer hochdynamischen, in ihren Anforderungen schnell sich wandelnden Arbeitswelt zu bestehen, sind Arbeitnehmer auf die regelmäßige Teilnahme an solchen Qualifizierungsmaßnahmen angewiesen.

Angesichts der zunehmenden Wichtigkeit beruflicher Mobilität stellt sich die Frage, wie behinderte Arbeitnehmer diese Mobilitätsanforderungen bewältigen können. Diese Frage stellt sich besonders im Hinblick auf das Auto. Denn während im öffentlichen Verkehr bereits Kriterien der Barrierefreiheit angelegt werden und die Verkehrsmittelnutzung sichergestellt wird, ist dies im Hinblick auf das Auto bisher nicht der Fall.

Unternehmen begegnen dem allgegenwärtigen Kostendruck und den erhöhten Anforderungen an die Mobilität ihrer Mitarbeiter mit neuen Mobilitätslösungen. Um den flexiblen Zugriff auf Autos je nach Bedarf zu ermöglichen, wird der innerbetriebliche Mobilitätsbedarf vermehrt über externe Anbieter wie Carsharing und Fuhrparkmanagement gedeckt. Durch die Nutzung von Fahrzeugpools, die von Dienstleistern zur Verfügung gestellt werden, soll den Mitarbeitern Automobilität je nach Bedarf und auch überregional bereitgestellt werden.

Car-Sharing bietet sich also nicht nur an, wenn der gesamte betriebliche Fuhrpark durch Car-Sharing-Fahrzeuge ersetzt werden soll, es entfaltet seinen Nutzen auch in der flexiblen Ergänzung des firmeneigenen Fuhrparks. […] In Deutschland sind ca. 23 Prozent der Car-Sharing Teilnehmer bei den unterschiedlichen Anbietern Geschäftskunden.

momo fact sheet Nr. 4, Business Car-Sharing

Zur Nutzung von Pkws waren behinderte Arbeitnehmer bislang darauf angewiesen, ihren eigenen Pkw umzurüsten und im Beruf zu gebrauchen. Die auf Grund von körperlichen Behinderungen notwendige Umrüstung des eigenen Wagens wird bei Arbeitnehmern durch die Kraftfahrzeughilfeverordnung gefördert. Von Seiten der Arbeitgeber werden nur selten entsprechende Autos zur Verfügung gestellt. Firmeneigene Autos werden nur in Einzelfällen den Anforderungen von behinderten Arbeitnehmern entsprechend umgerüstet. Die übliche Verfahrensweise, dass behinderte Arbeitnehmer ihr eigenes, persönliches Auto im Beruf nutzen, stößt jedoch auf Grund erhöhter Mobilitätsanforderungen im Beruf zunehmend an Grenzen. Die bisher funktionierende Lösung der Fahrzeugumrüstung reicht nicht mehr aus.

Denn Arbeitgeber erwarten, dass im Arbeitsalltag Autos und andere Verkehrsmitteln flexibel genutzt werden. Beim Kundenbesuch, auf der Fahrt zur Konferenz oder auf dem Weg zu einer Weiterbildung sollen die Beschäftigten sich flexibel aus dem bereit stehenden Mobilitätsangebot bedienen. Das Auto als wichtigster Mobilitätsbaustein im Arbeitsleben wird flexibel und je nach Bedarf genutzt: Am Ende einer Bahnfahrt oder einer Flugreise wird auf einen Mietwagen umgestiegen. Mittels Carsharing- Autos werden auch schlecht angebundene Bereiche im städtischen Raum erreicht.

Die angestrebte flexible Nutzungsweise von Automobilität ist behinderten Arbeitnehmern aber nicht möglich. Für sie müssen Sonderlösungen geschaffen werden, die einen zusätzlichen Aufwand für das innerbetriebliche Mobilitätsmanagement bedeuten. Weder die öffentlich nutzbaren Autos von Dienstleistern wie Carsharing-Unternehmen und Autovermietungen noch der Fuhrpark von Unternehmen stehen behinderten Beschäftigten zur Verfügung. Körperliche Einschränkungen machen technische Merkmale bei den Autos erforderlich, die bisher nicht oder nur mit hohem Aufwand verfügbar sind.

Insgesamt lässt sich beobachten, dass die eingeschränkte Verfügbarkeit von Automobilität zur Erledigung von Arbeitsaufgaben und Durchführung von Geschäftsreisen durch die neuen Anforderungen an die Mobilität von Arbeitnehmern verschärft wird. Auch durch Veränderungen im Automobilitäts-management von Betrieben wird die Nutzung von Pkws durch behinderte Arbeitnehmer zunehmend problematisch.

 


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