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Interviews zu Umrüstangeboten von Autoherstellern

Interview mit Tobias Heilmann, Volkswagen AG

Tobias Heilmann ist bei Volkswagen zuständig für den Verkauf an Großkunden und Sonderzielgruppen/Fahrhilfen-und Rettungsfahrzeuge. Das von Volkswagen angebotene Fahrhilfenprogramm ist im Internet zu finden unter:

www.volkswagen-mobil.de

Unser Mitarbeiter Markus Römer hat Herrn Heilmann zum Thema Fahrzeugumrüstung ab Werk interviewt.

MR: Wie läuft das denn ab, wenn ein Kunde mit körperlichen Einschränkungen zu Volkswagen kommt, um ein Auto zu erstehen, das seinen speziellen Bedürfnissen gerecht wird?

TH: Der Vertrieb von Fahrzeugen mit Fahrhilfen wird bei Volkswagen PKW im Agenturgeschäft abgewickelt, das heißt, die Händler vor Ort informieren und beraten Kunden über das Angebot und finden gemeinsam mit dem Kunden geeignete Lösungen.

MR: Benötigen die Händler vor Ort dafür ein technisches Gutachten vom TÜV oder andere Entscheidungsgrundlagen?

TH: Die Beratung kann bei Volkswagen erst beginnen, wenn ein Führerschein vorliegt, in dem eingetragen ist, welche Fahrhilfen benötigt werden. Es genügt ebenso nicht, wenn ein technisches oder medizinisches Gutachten vorliegt. Die Verkaufsberater sind keine technischen Sachbearbeiter vom TÜV, sie müssen mit geeigneten Vorgaben weiterarbeiten. Und mit ärztlichem Gutachten oder technischem Gutachten kann ein Verkäufer vor Ort nichts anfangen. Wenn kein technisches Gutachten vorliegt, verweist der Händler den Kunden an den TÜV, und dieser würde alles Weitere veranlassen. Genauso wird vorgegangen, wenn ein Betroffener mit einem Gutachten auf Volkswagen zukommt. Dann müssen wir ihn erst einmal an den TÜV verweisen, weil dieser die Eintragungen vornimmt. Der TÜV entscheidet, welche Fahrhilfen benötigt werden. Das darf ein Verkaufsberater sich nicht anmaßen, den Kunden so weit zu beraten, welche Fahrhilfen benötigt werden.

MR: Wenn ich das noch einmal zusammenfassen darf: Das heißt, wenn jemand kommt, der noch kein Gutachten hat und sich noch nicht richtig informiert hat, dann verweisen sie erst einmal darauf, das er sich beim TÜV eine Beratung einholen müsste, damit er danach zu Ihnen zurückkommen kann?

TH: Richtig. Ein Verkaufsberater kann dieses nicht. Auch eine Umrüstfirma darf das nicht. Es sind Erfahrungen, welche weitergegeben werden. Anmaßen sollte sich dieses keiner, das entscheidet der TÜV. Mit dem Gutachten vom TÜV geht man zum Straßenverkehrsamt und lässt die entsprechenden Fahrhilfen in den Führerschein eintragen. Noch einmal zur Verdeutlichung: die Entscheidung darüber, welche Fahrhilfe für einen Menschen mit speziellen Einschränkungen angemessen ist, kann letztlich nur ein hierfür speziell ausgebildeter und legitimierter Sachverständiger fällen. Natürlich beraten unsere Verkäufer aber über das bei Volkswagen bestehende Produktangebot an Fahrhilfen. Produkte können angeschaut und ausprobiert werden. Besonders bei den Schwerpunkthändlern, die über unsere Internetseite zu finden sind, erhalten Kunden kompetente Beratung. Zusätzlich liegen allen VW-Vertragshändlern auch Leitfäden für die Beratung von Menschen mit speziellen Einschränkungen vor, an denen sie sich orientieren können. Interne Anfragen zu Fahrhilfen können Händler auch direkt an uns von der Abteilung „Sonderzielgruppen“ richten. All diese Beratungsleistungen können aber auf keinen Fall die kompetente Entscheidung eines Sachverständigen ersetzen, welche Fahrhilfe benötigt wird. Hierfür verweisen wir auf den TÜV.

MR: Das Fahrhilfenangebot bei Volkswagen ist ja sehr umfassend. Können Sie aber auch auf sehr spezielle Fälle eingehen oder findet das dann irgendwann Grenzen mit dem, was standardmäßig lösbar ist?

TH: Wir haben eine Abteilung, die heißt Unikatebau. Dort werden Einzelanfertigungen vorgenommen. Dort kann man anfragen, was ein Umbau kosten würde. Wenn allerdings Extremumbauten notwendig sind, wo auch an der Karosserie gearbeitet wird, ist der Hersteller raus. In Extremfällen können wir dann nur das Grundfahrzeug liefern und der Kunde muss sich selbst einen Umrüster suchen, wo er dann im Nachgang das Auto umbauen lässt. Es gibt ungefähr 6 Millionen Behinderte in Deutschland. Davon schätzt man, dass 1,5 bis 2 Millionen autofahren können. Und von dieser Zahl können wir mit unseren Fahrhilfen ab Werk 75 % abdecken. Und die restlichen 25 % sind dann eben die speziellen Umbauten, die wir als Hersteller nicht umsetzen können.

MR: Abgesehen von dem Fahrhilfenangebot bietet Volkswagen Menschen mit Behinderungen ja auch einen Preisnachlass bei Erwerb eines Neuwagens. Welche Voraussetzungen müssen hier vom Kunden erfüllt werden und wie hoch fällt der Preisnachlass aus?

TH: Bei Volkswagen muss man bestimmte Bezugskriterien erfüllen. Kunden, die den Nachlass in Anspruch nehmen möchten, müssen mindestens einen Behinderungsgrad (GdB) von 50 plus und ein Merkzeichen nachweisen. Merkzeichen wären z. B. G für gehbehindert, aG für außergewöhnlich gehbehindert, H für hilflos, B für Notwendigkeit der Begleitung, Gl für gehörlos. Wenn ein Behindertenausweis mit Merkzeichen nicht vorliegt kann alternativ dazu auch der Führerschein vorgelegt werden. Wenn dort eine Fahrhilfe eingetragen ist, wird auch Nachlass gewährt. Eine Conterganschädigung berechtigt ebenfalls zum Erwerb des Nachlasses. Zusätzlich gibt es noch die Möglichkeit, eine Arztbescheinigung vorzulegen, dass man im Rahmen des Bundessozialhilfegesetzes an Maßnahmen teilnimmt oder Einrichtungen besucht, um den Nachlass zu empfangen.

MR: Bei manchen Herstellern behandeln Händler die Preisnachlass-Empfehlung zum Teil nach freiem Ermessen und gewähren z. B. den Preisnachlass nicht in voller Höhe. Wie ist das bei Volkswagen?

TH: Das Geschäft ist ein Agenturvertrag, wo der Händler als Vermittler auftritt. Deswegen bekommt der Kunde beim Volkswagenhändler auf jeden Fall einen Nachlass von 15 % auf das Grundfahrzeug, sobald die Kriterien erfüllt sind.

MR: Eine weitere Frage betrifft die Garantieleistungen, die auf umgerüstete Teile gewährt werden. Dies ist bei Fahrzeugumrüstungen oft kompliziert, weil separate Produktgarantien von Herstellern und Umrüstbetrieben bestehen.

TH: Die Garantieleistungen auf eingebaute Fahrhilfen entsprechen bei Volkswagen denen der Serie, das heißt, die Fahrhilfen sind sowohl in der Produktgarantie als auch in der Mobilitätsgarantie. Die Ersatzteilversorgung ist ebenso wie bei Serienteilen auch garantiert, also innerhalb von 24 Stunden.

MR: Und wie ist es dann mit dieser Mobilitätsgarantie? Die Mobilitätsgarantie umfasst ja, dass, wenn ein Wagen liegen bleibt, innerhalb von 24 Stunden ein ähnliches Fahrzeug vor Ort ist.

TH: Mobilitätsgarantie bedeutet eine sofortige Hilfe, um die Mobilität schnellstmöglich zurückzuerlangen. Das ist bei speziellen Fällen, bei Menschen mit Handicap, nicht möglich, da die Arten von Behinderungen zu individuell sind. Hier wird so vorgegangen, dass man eher für eine Übernachtung sorgt und dass das Auto innerhalb von 24 Stunden wieder fit gemacht wird.

MR: Innerhalb der Mobilitätsgarantie umgerüstete Autos bereitzustellen, ist nicht möglich?

TH: Nein, denn wie gesagt, die Umbauten sind so speziell, so viele Fahrzeuge kann man nicht bereithalten. In welche Fahrzeuge baut man die Fahrhilfen ein? Braucht der Kunde einen Passat Variant oder braucht er einen Polo? So viel kann man nicht vorhalten.

MR: Gut, das ist ja vielleicht akzeptabel, so lange die Garantie von 24 Stunden gewährleistet wird. Wie kann man sich das genau vorstellen? Wird dann ein Mechaniker dahingefahren, der sich mit der Reparatur von Fahrhilfen auskennt?

TH: Der Händler vor Ort verfügt über entsprechende Reparaturleitfäden. Das heißt, es kann jedem Kunden, auch mit Sondereinbauten ab Werk, geholfen werden. Mit einem Ersatzfahrzeug kann nicht vorgehalten werden.

MR: Gilt die Mobilitätsgarantie eigentlich für Deutschland oder auch europaweit?

TH: Sie gilt für ganz Deutschland.

MR: Ich möchte noch einmal nachhaken. Normalerweise ist es ja so: wenn ein Auto umgerüstet wird, wird ein Zwei-Rechnungen-Geschäft getätigt. Autokauf vom Hersteller und Umrüstung bei spezialisierter Werkstatt erfolgen separat und auf verschiedenen Rechnungen. Der Kunde hat damit auch unterschiedliche Garantieansprüche. Wenn dann aber der Fall eintritt, dass an den umgerüsteten Teilen etwas nicht in Ordnung ist, ist doch auch derjenige, der es eingebaut hat, verantwortlich?

TH: Der Betreffende wird sich aber im Zweifelsfall davor hüten zuzugeben, dass es an seinen Teilen liegt. Das ist eben die Gefahr, wenn man ein Serienfahrzeug von einem Hersteller nimmt und dann mit einem Umrüster umbaut. Der Hersteller wird sich sträuben, weil er sagt: „Das sind Umbauten, die haben auf mein Fahrzeug zugegriffen, deswegen fährt es nicht mehr“ und der Umrüster wird ebenso sagen: „Meine Umbauten sind in Ordnung, das liegt am Fahrzeug.“ Und der Gelackmeierte kann im Endeffekt der Kunde sein. Das umgeht man, wenn man die Fahrhilfe von Volkswagen direkt kauft. Ein weiterer Vorteil bei Volkswagen PKW ist das enge Händlernetz, wenn der Kunde aus Hamburg kommt und in München liegen bleibt, kann ihm trotzdem geholfen werden. Also egal, wo man in Deutschland ist, Hilfe ist vor Ort.

MR: Wie ist eigentlich allgemein der Stellenwert des Themas Fahrzeugumrüstung für behinderte Menschen bei Volkswagen?

TH: Volkswagen heißt ja nicht umsonst Volkswagen. Das heißt, wir sind für alle Kundengruppen da und deswegen finde ich es auch eine Verantwortung den Menschen mit Handicap gegenüber, sich auch diesen Herausforderungen zu stellen. Da steht Volkswagen für.

MR: Die anderen Autohersteller machen das nicht?

TH: Bei den anderen Autoherstellern ist z.B. Audi noch einer der wenigen Hersteller, der Fahrhilfen ab Werk in einem größeren Umfang anbietet. Andere Hersteller beziehen sich eher Firmen, die als Kooperationspartner dienen. Aber dann hat man nicht die Herstellergarantie. Zum Beispiel war Volkswagen auf der Internationalen Automobil-Ausstellung 2009 der einzige Hersteller, welcher ein Fahrzeug mit Fahrhilfen auf seinem Hauptstand ausgestellt hat und im Probefahrtenprogramm mit integriert hatte.

MR: Abschließend noch eine Frage zur zukünftigen Entwicklung: Ein häufiges Problem sind ja die fehlenden Schnittstellen, um Fahrhilfen einzubauen, der Umrüstaufwand ist oft erheblich,…

TH: Die Hersteller in Deutschland haben sich darauf geeinigt, einheitlich Schnittstellen zu schaffen. Dabei geht es nicht nur um Schnittstellen für Fahrhilfen, dieses gilt auch für Polizeifahrzeuge, Rettungswagen, Taxen, usw. Durch die einheitliche Regelung sollen Firmen es einfacher haben, in das Fahrzeug und in die Elektrik einzugreifen.

MR: Ein drohender Garantieverfall in Folge eines Eingriffs in das Fahrzeug ist ja auch ein Problem bei Fahrzeugumrüstungen,...

TH: Ein herstellerseitiger Garantie- bzw. Gewährleistungsverlust bezieht sich immer auf einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Schaden bzw. der Beanstandung und der baulichen Veränderung am Fahrzeug.

MR: Aber dann sind solche Schnittstellen ja eine wesentliche Erleichterung.

TH: Auf jeden Fall. Und wie gesagt, das ist nicht nur für die Menschen mit Handicap, sondern auch für viele andere Interessengruppen von Vorteil.

MR: Vielen Dank für dieses sehr informative Gespräch.

Interview mit Ann-Katrin Knebel, Daimler AG

Ann-Katrin Knebel ist Senior Manager Business Innovation bei der Daimler AG. Das Angebot zur Fahrzeugumrüstung der Daimler AG ist im Internet zu finden unter: www.mercedes-benz.de/fahrhilfen. Unser Mitarbeiter Markus Römer hat Frau Knebel zum Thema interviewt.

MR: Wie gestaltet sich der Ablauf, wenn ein Mensch mit körperlichen Einschränkungen zu Ihnen kommt, um ein Fahrzeug mit Fahrhilfen zu erwerben?

AK: Für Menschen mit Behinderungen hat Mercedes-Benz deutschlandweit More Mobility Center eingerichtet. In diesen Centern finden die Kunden geschulte Verkäufer. Geschult heißt, dass die Verkäufer mit dem Hintergrundwissen, was ein Mensch mit Behinderung braucht, eine bestmögliche Beratung gewährleisten können. Die Verkäufer kennen auf der einen Seite die Fahrzeuge und Fahrhilfen, auf der anderen Seite können sie Kunden bei der Ansprechpartnersuche zu wichtigen Themen unterstützen. Von dem Verkäufer kann sich der Kunde so neben den Vorteilen des Fahrzeuges auch vorführen lassen, welche individuellen Ausstattungen für diesen geeignet sind. Der Kunde kann sich im Idealfall dann direkt vor Ort unterschiedliche Fahrhilfen anschauen und prüfen, ob z. B. ein Lenkraddrehknauf oder ein bestimmtes Handbediengerät die beste Lösung bietet.

MR: Auch die Beratung findet also vor Ort in den More Mobility Centern statt?

AK: Richtig, die Beratung erfolgt bei uns, durch unsere Verkäufer.

MR: Es macht also auch Sinn, ohne Gutachten und ohne Eintragung in den Führerschein eine Ihrer Niederlassungen aufzusuchen?

AK: Um sich eine Beratung einzuholen, macht das natürlich Sinn alle Unterlagen mitzubringen. Die Verkäufer können hier Kunden den einen oder anderen Tipp zum Thema der Fahrprobe beim TÜV/Dekra und Gutachtenerstellung geben. Es ist durchaus wichtig, dass man das vorher mit dem Kunden bespricht.

MR: Und der weitere Ablauf? Würden sie von einem Kunden im Anschluss an eine Beratung verlangen, dass er ein Gutachten in Auftrag gibt? Oder kann der Einbau von Fahrhilfen auch ohne vorliegendes Gutachten vorgenommen werden?

AK: Der Einbau kann bis auf den Lenkraddrehknauf ohne Gutachten vorgenommen werden. Dieser muss im Führerschein eingetragen sein, sonst darf dieser nicht an den Fahrer verkauft und vom Fahrer genutzt werden. Alle anderen Fahrhilfen sind jedoch unabhängig von einer speziellen Eintragung im Führerschein. Das Gutachten spielt eher dann eine Rolle, wenn ein Kunde die Möglichkeit hat, Gelder erstattet zu bekommen, z. B. von den Integrationsämtern.

MR: Wie viele More Mobility Center existieren eigentlich in Deutschland?

AK: Mercedes-Benz betreibt deutschlandweit fünfzehn. Natürlich kann der Kunde aber auch zu jedem Mercedes-Benz Vertragshändler oder zu den anderen Niederlassungen gehen. Des Weiteren gibt es für interessierte Kunden auch eine kostenfreie Hotline – per Telefon oder E-Mail. Die Daten hierzu finden Sie auf unserer Webseite unter: www.mercedes-benz.de/fahrhilfen Alle Verkäufer unserer Vertragspartner und Niederlassungen haben darüber hinaus die Möglichkeit, die interne Experten -Hotline für spezielle Fragen zu nutzen.

MR: Sie sagten, die Verkaufsberater in den More Mobility Centern seien geschult für die Beratung von Kunden mit Mobilitätseinschränkungen?

AK: Ja, die Verkaufsberater dort sind zu diesem Thema geschult. Sie absolvierten bei uns 2009 das erste Training. Die übrigen Verkaufsberater bekommen Informationsmaterial zum Thema zur Verfügung gestellt und haben über die Hotline ja auch einen internen Ansprechpartner, der ihnen bezüglich aller Belange hilfreich zur Seite steht. Die internen Ansprechpartner sind besonders dann wichtig, wenn es um Produkte geht, die wir nicht ab Werk anbieten. Auch sobald es spezielle Änderungen oder Anpassungen betrifft, geht der Weg über diesen Ansprechpartner und eventuell auch über unsere Entwicklungsabteilung. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass man auch zu speziellen Wünschen Rückmeldung bekommt.

MR: Sie sprechen die Angebotspalette von Mercedes-Benz an. Wie umfassend ist dieses Angebot?

AK: Ja, wir bieten seit dem 01.10. 2010 eine Auswahl von Fahrhilfen und Sitzanpassungen ab Werk an. Den Kunden stehen neben einer Vielfalt an Fahrhilfen - Steuerungs- und Lenkhilfen, Handbediensystemen für Bremse und Gas, Pedalveränderungen sowie Technik zum bequemen Ein- und Aussteigen – spezielle Sitzanpassungen zur Verfügung. Die verschiedenen Sitzanpassungen reichen von Auf- oder Abpolsterung bis zu der Verlängerung und Verkürzung der Originalsitze. Dieses „Sitzen nach Maߓ können wir anbieten, weil wir eine eigene Sitzfertigung im Unternehmen haben. So stellt sich der Kunde seinen Mercedes-Benz ganz individuell zusammen.

MR: Das ist ein umfangreiches Angebot.

AK: Ja. Falls es darüber hinaus noch Wünsche gibt, z.B. Verladehilfen, existieren Partner an den verschiedenen Standorten, mit denen wir diesbezüglich zusammenarbeiten und sie sich dort eine adäquate Lösung einbauen lassen können.

MR: Sie erwähnten auch Ihre interne Entwicklungsabteilung. Ist es für Kunden möglich, hier auch spezielle Lösungen zu erfragen?

AK: Ja, über unsere Verkäufer. Wenn ein Verkäufer einen speziellen Wunsch eines Kunden meldet, wird dies intern mit der Entwicklung durchgesprochen. Die Entwicklungsabteilung gibt dann auch zu den anderen Baureihen Rückmeldung und bringt in Erfahrung, ob wir etwas Geeignetes anbieten können und was es kosten würde.

MR: Und wenn spezielle Umrüstungen von Mercedes-Benz ab Werk nicht vorgenommen werden können, wird an einen externen Kooperationspartner verwiesen?

AK: Richtig. Es ist nicht möglich, alle Ein- und Umbauten ab Werk anzubieten. Bei speziellen Anfragen wird Rücksprache gehalten und bei sehr speziellen Anpassungen wird dann empfohlen, sich an den jeweiligen Experten zu wenden.

MR: Eine Frage, die uns stark interessiert, ist der Punkt Garantieleistungen. Wir haben erfahren, dass es diesbezüglich Unterschiede gibt, wenn eine Fahrhilfe ab Werk eingebaut wird: Wenn man nachträglich eine Fahrhilfe in ein neues oder gebrauchtes Fahrzeug einbauen lässt, liegt nach unseren Informationen ein „Zwei-Rechnungen-Geschäft“ vor. Dies bedingt demnach auch, dass Garantieleistungen separat vergeben werden. Wie sehen Sie diese Thematik?

AK: Ich denke, hier sprechen Sie einen der wichtigen Vorteile unseres Angebots ab Werk an. Die angebotenen Fahrzeugeinbauten und Fahrhilfen gehören bei uns genauso zum Ausstattungsumfang, wie z. B. auch ein Navigationsgerät, eine Sitzheizung oder eine Anhängerkupplung. Die Ausstattungskomponenten sind damit alle Teil unserer Garantieleistungen und unserer übrigen Angebote, wie z. B. in den Bereichen Finanzierung und Leasing. Deswegen ist es in unserem Vokabular ein „Eine-Rechnung-Geschäft“: der Kunde bekommt alles, was wir ab Werk anbieten, auf seine Fahrzeugrechnung. Fahrzeugeinbauten etc. sind alle in diesem Preis enthalten und diesen kann der Kunde dann entsprechend bar bezahlen, finanzieren oder leasen. Für den kompletten Ausstattungsumfang inkl. aller Einbauten ab Werk gelten dann auch die üblichen Mercedes-Benz Garantieleistungen.

MR: Was ist der konkrete Vorteil, wenn etwas mit einer der eingebauten Fahrzeugkomponenten bzw. Fahrhilfen nicht in Ordnung sein sollte?

AK: In diesem Fall sucht der Kunde einfach seinen Mercedes-Benz Händler auf. Dieser kümmert sich um das Problem und stellt für den Kunden den Zustand des Fahrzeuges wieder so her, wie er es von seinem Mercedes gewohnt ist. Der Ablauf ist dabei genauso wie bei anderen Garantie- oder Reparaturleistungen. Es ist nicht notwendig, dass der Kunde einen Fahrzeugumrüster aufsucht. Der Kunde muss sich auch nicht mit dem Produktlieferanten einer Fahrzeugkomponente in Verbindung setzen. Er überlässt alles seinem Mercedes-Benz Partner. Eben alles aus einer Hand.

MR: Gilt denn der Leistungsumfang, den Sie hier in Bezug auf Fahrhilfen beschreiben, auch im Rahmen der Mobilitätsgarantie?

AK: In den einzelnen More Mobility Centern haben wir zum Teil Fahrzeuge mit Fahrhilfen ausgestattet, die sowohl für Probefahrten und als Ersatzfahrzeug zur Verfügung stehen.

MR: Meine nächste Frage betrifft die Problematik der Schnittstellen: Es ist immer wieder ein Problem, dass keine vereinheitlichten Schnittstellen verfügbar sind, um Fahrhilfen anzubringen. Zeichnen sich hier Lösungen bei den Herstellern ab, z. B im Bereich elektronischer Schnittstellen?

AK: Das Thema Schnittstellen ist ein spannendes Thema. Dadurch, dass wir Fahrhilfen ab Werk anbieten, sind wir natürlich mit den Produktherstellern im ständigen Kontakt. Wir achten darauf, dass wir unsere Schnittstellen so zur Verfügung stellen, dass die Produkte von Fahrhilfenherstellern darauf aufbauen können. Bei den Fahrhilfen, die wir aktuell anbieten, wurden gemeinsam mit den Produktlieferanten Optimierungen vorgenommen. Einmal, wie gesagt, bei uns, aber auch auf Seiten der Lieferanten. Es wird in nächster Zeit noch weitere Optimierungsversuche geben. Man lernt gemeinsam, was man besser machen kann und was es zukünftig für Möglichkeiten gibt.

MR: Wir bei autoanpassung.de haben die besprochene Thematik unter dem Begriff „Umrüstbarkeit“ von Autos gefasst und halten dies für ein wichtiges Kriterium bei zukünftigen Autos. Umrüstbare Autos würden sich dadurch auszeichnen, dass sie leichter und schneller umrüstbar sind, weil ab Werk schon vorgesehen ist, dass spätere Umrüstungen vorgenommen werden. Wie sehen Sie die zukünftige Relevanz dieser Thematik?

AK: Wie gesagt, wir beschäftigen uns intensiv mit dieser Thematik. Ich denke, in diesem Bereich existiert noch Optimierungsbedarf. Bei den Produkten, die wir anbieten, haben wir damit begonnen, gemeinsam zu schauen, was verbessert werden kann. An der Thematik haben wir natürlich von unserer Seite besonderes Interesse. Denn wir möchten den Einbau und den Ausbau oder die Wartung der Fahrhilfen, die wir anbieten, so einfach wie möglich zu gestalten. Hier gibt es allerdings noch Handlungsbedarf.

MR: Wie gestaltet sich das Thema Fahrhilfen eigentlich in Bezug auf den Smart? Diese Fahrzeugmarke gehört genauso wie Mercedes-Benz zur Daimler AG. Werden Fahrzeugumrüstungen ab Werk für diesen Fahrzeugtyp auch bei Ihnen abgewickelt?

AK: Beim Smart sind wir in der Entwicklungphase . Das Smart-Werk befindet sich bekanntermaßen in Hambach, die Mercedes-Benz-Werke sind in Sindelfingen, Rastatt und Bremen. Der Prozess der Umrüstung mit Fahrhilfen könnte im Prinzip aber beim Smart ähnlich abgewickelt werden, wie das aktuell für die Marke Mercedes-Benz realisiert wird.

MR: Diese Frage war bei mir aus dem Grunde aufgetaucht, weil gerade im urbanen Bereich die Smarts gerne gefahren werden. In urbanen Ballungszentren wird auch vermehrt die Elektromobilität zum Zuge kommen, es existieren in Pilotprojekten bereits Smarts mit E-Antrieb. Wenn man dann noch das Konzept car2go von Daimler in Ulm anschaut, drängt sich die Frage auf, wie bei solchen Autos wie dem Smart, die in urbanen Bereichen öffentlich bereitgestellt werden, eigentlich gewährleistet ist, dass auch behinderte Menschen sie nutzen können?

AK: Das wird noch ein spannendes Thema. In Deutschland stehen wir hier noch vor Schwierigkeiten, in den USA haben wir es in dieser Hinsicht einfacher. Denn in Deutschland müssen Autos, wenn sie mit zusätzlichen Einbaugeräten ausgestattet sind, speziell zugelassen werden. In Deutschland gilt das Prinzip der Einzelzulassung, dagegen könnte man in den USA z. B. ein Handbediengerät einfach in ein Fahrzeug einbauen und losfahren. Wenn Sie sich zurzeit z. B. unser car2go-Konzept anschauen, müssten Sie bei heutigen Möglichkeiten eigentlich jedes Fahrzeug behindertengerecht ausstatten. Dies wirft Fragen auf, denn wir bieten hier nur einen gewissen Standard an, d.h., Sie müssten diese Autos eigentlich mit Linksgas und mit einem Handbediengerät ausstatten. Es wäre zu diskutieren, ob man auf diese Weise vorgeht. Alternativ könnte auch der Weg gewählt werden, Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen, bei denen durch ganz einfache Fixierungspunkte gewährleistet ist, dass Fahrhilfen angebracht werden können, wenn man ein Auto nutzen möchte. Dies wäre auch eine Option. Angesichts der Anzahl von Menschen, die eine solch spezielle Fahrzeugausstattung brauchen, wäre dies wahrscheinlich die bessere Option. Das ist momentan aber von der Gesetzgebung her nicht möglich. Aber wie gesagt, ich denke, hier wird noch viel geschehen in den nächsten Jahren.

MR: Damit komme ich schon zur letzten Frage. Könnten Sie einmal den allgemeinen Stellenwert des Themas „Autofahren und Menschen mit Behinderung“ bei Mercedes-Benz schildern? Und inwieweit spielt der demografische Wandel eine Rolle bei Aktivitäten von Mercedes-Benz im Bereich von Fahrhilfen und Umrüstung ab Werk?

AK: Gerade Menschen mit körperlichen Einschränkungen sind in den letzten 10 bis 15 Jahren immer mehr Teil der Gesellschaft geworden. Was wir mit unserem Angebot ab Werk zeigen, ist, dass Menschen mit Einschränkungen spezielle Anforderungen haben, die im ganz normalen Prozess bedient werden sollten und auch bedient werden können; Gewisse Grenzen sind hier gesetzt. Aber das Thema wird bei uns in den normalen Ablauf integriert, in den normalen Verkaufsprozess sowie in den normalen Entwicklungsprozess. Wir bei Mercedes-Benz möchten das Thema mit einer gewissen Normalität behandelt wissen – Normal nicht besonders - das ist der Ansatz, den wir verfolgen. Und natürlich spielt das Thema demografischer Wandel hier auch eine Rolle. Der demografische Wandel stellt eine Chance dar. Denn wenn man intern Prozesse für das Segment der Menschen mit speziellen Anforderungen etabliert hat, kann man auch auf die Anforderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt, flexibler reagieren.

MR: Das Thema normalisieren, bedeutet: Auf einer Automobilmesse wie der Internationalen Automobil-Ausstellung würde ich dann einen Sportwagen neben einem umgerüsteten Auto finden?

AK: Genau. Wir sind im Oktober auch auf der REHACARE in Düsseldorf vertreten. Dort werden auch Autos von uns ausgestellt und darunter z. B. auch ein E-Klasse Cabrio. Es ist ganz klar und dies ist auch wichtig: es gibt gewisse Modelle, Baureihen, die von Autofahrern mit Behinderungen bevorzugt werden. Aber es ist nicht so, dass Kunden mit körperlichen Einschränkungen nicht das Bedürfnis hätten, ein Cabrio zu fahren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kunden diesbezüglich sehr anspruchsvoll sind. Sie haben diesen Lebensgenuss oder diese Lebensfreude wiederbekommen oder behalten und wollen diese auch genießen.

MR: Frau Knebel, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


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