Informationsportal für Menschen mit Behinderung, die Auto fahren


Navigation

Suche

Inhalt

Campen mit Rollstuhl und Wohnmobil

Die folgenden Auszüge zur individuellen Anpassung eines Wohnmobils entstammen einem Beitrag von Winfried Kerkhoff (www.rose2000.de).

Er ist erschienen in „Tourismus und Behinderung: Ein sozial-didaktisches Kursbuch zum Reisen von Menschen mit Handicaps“ (Taschenbuch), von Udo Wilken (Hrsg.); Verlag Beltz; Januar 2002, ISBN 3407561660.

Die Wiedergabe der Textauszüge erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Julius Beltz GmbH & Co KG, 69441 Weinheim.

(Teil 1) Krankheitsverlauf, Behinderungsgenese und rehabilitativer Verlauf

Meine Frau wurde 1984 infolge eines Schlaganfalles behindert. Nach einem langen Aufenthalt auf der Intensivstation einer Spezialklinik holten meine Kinder und ich sie in die Familie zurück, da die Ärzte befürchteten, dass sie nur noch kurze Zeit zu leben habe. Die Anstrengungen der Familie waren jedoch erfolgreich. Nach und nach wurde das zerebrale Fieber gesenkt, sodass
keine unmittelbare Lebensgefahr mehr bestand. Dennoch blieb meine Frau vollständig gelähmt, behielt ihr Tracheostoma (operative Luftröhrenöffnung am Hals bei drohendem Verschluss), war bettlägerig und hielt es nur sehr kurze Zeit im Rollstuhl aus. Aus der anfänglichen z.B fast völligen räumlichen Desorientierung(z.B. in der Wohnung) , den fehlenden Erinnerungen an die
Vergangenheit einschließlich der Ausfälle im Kurzzeitgedächtnis, der schlaffen vollständigen Lähmung, die auch zur Folge hatte, dass der Kopf zur Seite fiel, also nicht gehalten werden konnte, den Sprachschwierigkeiten, besonders der Flüsterstimme, konnte meine Frau Erika nach ca. drei Jahren ohne Magensonde ernährt werden, sie übte erfolgreich Kreuzworträtsel zu lösen, lernte den Kopf zu halten und mit der rechten Hand trotz Linkshändigkeit eine Tasse hochzuheben – die einzige wieder erlernte motorische Tätigkeit – und interessierte sich nach und nach mehr und mehr für dass familiäre und außer häusliche Leben. [ ... ]

Außer ca. zwei Stunden, in denen sie – morgens und nachmittags – im Rollstuhl saß, war Erika bettlägerig, sie konnte aber auch abgestützt auf einer Gartenliege oder Couch liegen. D.h. meine Frau musste, wenn es um eine Reise über größere Strecken ging, liegend transportiert werden.
Dafür war in einem Wohnmobil eine Möglichkeit zu schaffen.

Meine Frau konnte nicht sehr laut sprechen, da der Luftausstoß nicht intensiv genug war. Den rechten Arm, der leider trotz aller Bemühungen im Ellenbogengelenk rechtwinklig fest stand, konnte sie eingeschränkt bewegen sodass sie sich selbst z.B. am Kopf kratzen und beim Sitzen die Tasse heben konnte. Jedoch eine über längere zeit andauernde Handlung – löffeln, Butterbrot essen u. a. – strengte sie sehr an, wie z.B. auch das Kauen und war trotz steten Übens nicht zu normalisieren. Deswegen bekam sie bis zu ihrem Tod täglich ca. 250 ml Flüssignahrung aus einer Trinkflasche mit Strohhalm. Für einen längeren Aufenthalt außer Hause erforderte das, eine hinreichende Menge an Flüssignahrung mitzunehmen. Dieses zusätzliche Ladegewicht
war in Zusammenhang mit anderen Dingen nicht unerheblich, sodass insgesamt in ähnlich gelagerten Fällen wie dem unsrigen ein genügendes Zuladegewicht gleich beim Erwerb des Wohnwagens bzw. Wohnmobils zu bedenken ist.

Von den Camping-Reisen, den technischen und didaktischen Vorbereitungen, den Problemen – vor allem des Transportes – und ihren Lösungen, der Lebensfreude und Lebenslust bei diesem Unternehmen soll in diesen Ausführungen die Rede sein. [ ... ]

 

(Teil 5) Behindertengerechtes Fahrzeug

Ein behindertengerechtes Wohnmobil haben wir nicht gefahren, wenn man unter behindertengerecht eine Rampe, die das Hineinfahren bzw. –schieben eines Rollstuhls durch eine breite Tür in das Wohnmobil ermöglicht und Innentauglichkeit des Wohnmobils für das Fahren und Wenden mit einem Rollstuhl versteht. Ein dem Kastenwagen gleichendes, alsokleineres Wohnmobil mit seitlichen Schiebetüren , sodass man mindestens eine breite Tür gehabt hätte, war als Möglichkeit zuerst ins Auge gefasst worden, wies aber zu wenig Innenraum– meine Frau musste ja dort für längere zeiten ein Bett haben – und zu wenig mögliches Zuladegewicht auf. Ein Wohnmobil mit größerem Innenraum, behindertengerecht, bot zur damaligen Zeit - 1994 – nur eine Firma als Sonderanfertigung (vgl. Literatur und Informationen[ ... ]) an, die wir aber zu spät kennen lernten.

Das Wohnmobil, das wir 1994 bestellten und 1995 kauften, war ein „normales“ Wohnmobil. Was war zu tun, dass wir fahren konnten und durften? Fünf [sic] Punkte waren es, die es zu verbessern oder zu verändern galt.

  1. Die mitgelieferte Stufung vor der Tür des Wohnmobils hatte nur eine Zwischenstufe.
  2. Die Tür des Wohnmobils war nur 50 cm breit.
  3. Beim Liegen während der Fahrt konnte man nicht aus dem Fenster schauen.
  4. Das kleine Bett im Wohnwagen, das für den liegenden Transport meiner Frau günstig war,durfte währen der Fahrt nicht benutzt werden.
  5. Passende Abstützungen für die linke und rechte Körperseite und für die Knie und Füße mussten gefunden werden.
  6. Auch für das Sitzen während der Fahrt waren besondere Maßnahmen und Abstützhilfen erforderlich.
  7. Die akustische Verständigung zwischen Fahrersitz und hinterem Teil des Wohnmobils war schlecht.

Dazu folgend einige Erläuterungen:

  1. Die festmontierte, herausklappbare Einstiegstreppe vor der Tür des Wohnmobils hatte nureine Zwischenstufe. Dadurch wurde der Aufstieg mit einer Person auf dem Arm sehr schwer.Eine dreistufige Treppe, die von einem Schreiner angefertigt wurde, war nicht steil genug,sodass der Treppensteiger zu lange balancieren musste bzw. Halt brauchte. Da ich aber dazukeine Hand mehr frei hatte, da ich auf den Armen meine Frau hoch trug, probierten wir einezweistufige Treppe aus, die es im Campinghandel gab. Die Maße stimmten, sodass wir dabeibleiben konnten. Das Hinaufgehen der Treppe geschah vorwärts, den Wohnwagen verließ ichrückwärts, da die Füße so unter der jeweiligen Stufe mit der ganzen Sohle aufsetzen konnten.Nach vierjährigem Gebrauch wurde diese Treppe defekt, ohne dass man es ihr ansehen konnte,sie gab, als ich auf der Stufe stand, nach. Mit meiner Frau auf den Armen konnte ich gerade amTürrahmen mit der Schulter Halt finden. Die Treppe konnte repariert werden.
  2. Die Tür des Wohnmobils war nur 50 cm breit. Um mit einem erwachsenen Menschen auf denArmen durch diese schmale Tür des Wohnmobils ins Wageninnere zu gelangen, musste man auf der Treppe vorwärts gehend die Füße und Knie des Getragenen, die zur offenen Tür hin gedrehtwurden, als erstes hinein tragen, dann trug man den übrigen Körper auf den Armen über dieTürschwelle. Innen war der Gang zum Bett etwas breiter, so dass das Tragen und dasgleichzeitige Vorangehen leichter war.
  3. Beim Liegen während der Fahrt konnte man nicht aus dem Fenster schauen. Damit dasmöglich wurde, kam eine weitere Kunststoffmatratze als Unterlage auf das Bett.
  4. Im Wohnwagen sind die Sitzgelegenheiten, auf denen man während der Fahrt sitzen darf,aus Sicherheitsgründen (Gurte) genau festgelegt. Das kleine Bett, das für den liegendenTransport meiner Frau günstig war, gehörte nicht dazu, da die Gurte fehlten. WelcheSicherheitsmaßen zu ergreifen waren, damit meine Frau das eingebaute Bett auch während der Fahrt liegend benutzen durfte, war schwierig herauszufinden, da in der Regel die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen bei Krankentransportwagen, Unfallwagen sowie auch Wallfahrtsbussen mit Liegeplätzen für kranke und behinderte Menschen schon beim Bau des Fahrzeuges eingehalten und vom TÜV schon vorher genehmigt und abgenommen wurden. Hier in unserem Fall waren aber erst die Voraussetzungen für einen behinderungsgemäßen Transport zu schaffen, so musste in Erfahrung gebracht werden, welche Stelle überhaupt zuständig war, sachlichen Rat geben zu können. Schließlich gab den entscheidenden Hinweis, mit dem TÜV Kontakt aufzunehmen, der Polizist des Dorfes. So fuhr ich zur TÜV-Stelle, nachdem ich schon vorher telefonisch mein Anliegen vorgetragen hatte. Hier traf ich nun auf sehr verständnisvolle und fachkundige Experten, die mit in den Wohnwagen kamen und an der zukünftigen Liegestätte genaueste Maßnahmen vorschlugen, die der Unfallverhütung dienten und zugleich zur Genehmigung, liegend an dieserStelle des Wohnwagens mitreisen zu dürfen, führen würden. Die damit verbundenen Eintragungen durch das Straßenverkehrsamt waren aus versicherungstechnischen Gründen und zur Vermeidung, dass ich mit dem Gesetz in Konflikt geriet, erforderlich. Da an der Stelle, wo das Bett stand, keine Gurte vorgesehen waren, waren die Voraussetzungen dafür durch Automechaniker erst zu schaffen. Die sechs Sitzgelegenheiten waren an anderen Stellen des Wagens festgelegt. Dort waren auch die Verstärkungen für die Gurte in den Wandungen eingearbeitet. Solche Verstärkungen mussten auch in der Karosserie beim Bett angebracht werden. Es musste ein Brust- und ein Beingurt eingebaut werden. Zum Schutz des Kopfes wurde eine Abfederung aus Kunststoff gefordert. Zum Gang hin war eine Absicherung – Netz, oder Brett – anzubringen, damit der Bettbenutzer nicht herausfallen konnte. Ich bekam die Information, dass, wenn alles eingebaut sei, einer Genehmigung für den liegenden Transport meiner Frau während der Fahrt nichts im Wege stehen würde. Auf jeden Fall müsste der umgebaute Wagen dem TÜV vorgeführt und die Genehmigung durch das Straßenverkehrsamt in den Autopapieren eingetragen werden. Es war gar nicht so einfach, eine Werkstatt zu finden, die die Forderungen des TÜV umsetzte. Autowerkstätten winkten ab, die Hymerfachwerkstatt, die immer die jährlichen Kundendienste anbietet, wollte nicht ohne weiteres die Arbeiten durchführen. Keiner wollte die Verantwortung für dei Veränderungen übernehmen, keiner das Risiko etwaiger Folgen tragen. So setzte ich mich mit dem Ingenieurbüro der Herstellerfirma Hymer in Verbindung. Der leitende Ingenieur war sehr hilfsbereit. Ich schickte einen Lageplan, in dem skizziert war, wo da Bett eingebaut werden sollte, per Fax zu ihm. Schon am nächsten Tag, rief er an, ließ sich alles noch einmalerklären und teilte mir dann mit, er würde alles in die Wege leiten. Ich hatte nichts mehr damit zu tun. Die Firma Hymer schaltete den TÜV vor Ort, in Bad Waldsee, zur Überprüfung der Veränderungen am Wohnmobil ein und beauftragte meine Werkstatt mit der Ausführung nach Plan. Ich brauchte den Wagen nur noch hinbringen. Was danach noch von mir anzufertigen war, die Polsterung der Wand hinter dem Kopf und das gepolsterte Brett zum Gang hin, war schnell gemacht. Zusätzlich brachte ich noch eine Polsterung für Kopf und Oberkörper seitlich an, falls meine Frau vom Kopfkissen herunterrutschen sollte. Die abschließende Prüfung durch den TÜV und die Eintragung beim Straßenverkehrsamt konnten wir problemlos erreichen, es kostete nur Wartezeit und Geld.
  5. Es zeigte sich schon während der ersten Fahrt auf diesem Bett, dass die Polsterungen rechts und links in der Höhe des Kopfes und Oberkörpers, die Absicherung gegen Herabstürzen aus dem Bett und ein einfaches Abstützen der Knie nicht ausreichten, ein bequemes und schmerzfreies Fahren ohne Lageveränderung der Knie, der Füße, des Körpers usw. und ein Gefühl der Sicherheit zu garantieren. Für den Kopf war ein Kissen mit einer Delle in der Mitte nötig, damit die Haltung, aber auch die Drehung des Kopfes zum Hinausschauen aus dem Fenster möglich wurde, ohne dass der Kopf vom Kissen rutschte. Die Knie bekamen ein UKissen, das die Knie an beiden Seiten nach oben hin einrahmte, die Füße wurden auf ein abgeschrägtes Kunststoffkissen gesetzt. Übrigens erwies sich, dass die Füße in Schuhen besser gegen Verschieben bzw. Verrutschen gesichert waren. Alle untergeschobenen Abstützungen wurden jetzt noch zu beiden Seiten im Kopf, Knie und Fußbereich gegen Wackeln durch weitere Kunststoffteile und -keile gesichert. Das konnte daher geschehen, da auf der einen Seite die Wandung des Wohnmobils – wo das Fenster war - , auf der anderen Seite das gepolsterte Brett zum Gang hin war.
  6. Auch für das Sitzen während der Fahrt waren besondere Maßnahmen und Abstützhilfen erforderlich. Die Sitze im Führerteil – wie wohl in allen Wohnmobilen heutzutage – sind bequem und rutschsicher. Sie eignen sich für das Sitzen körperbehinderter Menschen während der Fahrt vorzüglich. Erforderlich ist es jedoch, zwischen der angenehmen Haltung beim Sitzen, wie es der Körperbehinderte wünscht, und der erforderlichen Schrägstellung der Rückenlehne, damit beim Bremsen der Behinderte nicht dauernd nach vorn gegen den Gurt gedrückt wird, die richtige Position auszuhandeln. Notwendig waren weiter für meine Frau noch ein Dekubitussitzkissen, ein weiches Kissen für den linken Arm zur Abstützung auf den Schoß, eine leichte schmale Nackenstütze, eine Decke für die Knie, die wärmte und zugleich verhinderte, dass die Knie durch die Erschütterungen des Wagens auseinander klappten, und eine kleine Kiste unter den Füßen zum Ausgleich der kurzen Beine, verankert am Sitz, damit sie nicht verrutschen konnte.
  7. Durch die Fahr- und Motorgeräusche konnte meine Frau sich während der Fahrt nur mittels ihrer Schelle bemerkbar machen. Eine an das Stromnetz des Autos angeschlossene Gegensprechanlage verbesserte die Kommunikation wesentlich. Meine Frau konnte nun z.B. ihre Befindlichkeit mitteilen, ich konnte sie auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen. Das Mikrofon am Bett wurde durch einen „Kunststoffarm“ gehalten und war so für meine Frau stets erreichbar.

Am Schluss dieses Kapitels sei noch einmal auf das Zuladegewicht hingewiesen. Laut einer polizeilichen Meldung des Sommers 2001 fährt ein großer Prozentsatz der Besitzer von Campingmobilen mit unerlaubt schwer beladenem Wagen in den Urlaub. Das kann teuer werden und zu Punkten in Flensburg führen. Auch unser Wagen bedurfte einer Aufstockung des zulässigen Gesamtgewichtes mit Eintragung in die Autopapiere durch das Straßenverkehrsamt, da wir mit dem erlaubten Zuladegewicht wegen z.B. der riesigen Vorräte an Hygieneunterlagen
und an Flüssignahrung u.a. nicht auskamen. Eine solche Aufstockung geht nur dann, wenn der Wagen auch die technischen Voraussetzungen hat. Informationen darüber können die Lieferfirmen geben, sie müssen auch, falls aus den Autopapieren die technischen Voraussetzungen nicht ersichtlich sind, im gegebenen Falle die technischen Voraussetzungen für diesen Wagen schriftlich beurteilen bzw. bestätigen.


nach oben