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Das Auto und seine Problemzonen (für behinderte Menschen)

Geht es um das Auto, des Deutschen liebstes Kind, schwirren Zahlen, technische Daten, Stärken, Hubraum, durch den Raum. Und: man will ein schönes Auto. Farbe und Design sind beliebtes Thema für Geschmacksurteile. Fragen nach dem tatsächlichen praktischen Nutzen für die je individuellen Belange treten dahinter zurück.

Nichtbehinderte Autokäufer dürften sich in dieser Hinsicht kaum von den behinderten Autokäufern unterscheiden. Unter dem Sammelbegriff des Autofahrers verschwinden zunächst alle Unterschiede. Zunehmende Autotestberichte in den einschlägigen Behinderten-Zeitschriften bestätigen diese Beobachtung. Aber beim zweiten Blick kommen die behinderten Autonutzer nicht drum herum, das Auto, neben dem (unsympathischen) finanziellen Aspekt natürlich, auf seine Eignung für den persönlichen Gebrauch hin zu überprüfen. Und dann muss auch über Maße, Zahlen, Raumkapazität und vieles mehr gesprochen werden; jedoch nicht unter dem rein technischen Gesichtspunkt. Vielmehr geht es nun um die Frage der persönlichen Zugänglichkeit und Nutzbarkeit.

Ein Autotest vom vergangenen Winter, der die Eignung von kleineren PKW für behinderte Menschen untersuchte, bestätigt eine Beobachtung des ersten Testes aus dem Jahr 2000, dass die Kenntnis bestimmter Zugänglichkeitsdaten behinderten und älteren Autofahrern die Auswahl eines geeigneten Fahrzeugs erheblich erleichtern würde. Insbesondere Rollstuhlfahrer haben häufig Probleme mit dem Zugang zum PKW. Die im ersten Test hierzu gewonnenen Erfahrungen und Vorarbeiten wurden genutzt, um beim aktuellen Test entsprechende Maße zu definieren und zu erfassen.

Welche Maße sind relevant für behinderte Autonutzer? Sie müssen erst mal ins Auto gelangen und sich auf den Fahrersitz setzen können. Ob als Tetraplegiker, der nur vom Rollstuhl aus mittels Rutschbrett auf den Fahrersitz rüber rutschen kann oder als Beinamputierte, die aus stehender Position ins Auto gelangt, wichtig sind die Ausmessungen der Tür und des Innenraumes im Fahrersitzbereich. Dazu kommen bestimmte Höhenwerte zwischen Sitz und Straßenoberfläche und für Rollstuhlfahrer schließlich Verladeraummaße für den Rollstuhl.

Wir haben insgesamt neun relevante Abmessungen für behinderte Autofahrer vorgenommen und sie in einer schematisierten Form skizziert. Unseres Erachtens definieren diese Abmessungen die wichtigsten Problemzonen, die jedoch keinesfalls alle erdenklichen schwierigen Bereiche für spezifische Behinderungen abdecken. Die von uns erfassten Problemzonen berücksichtigen den Einstieg ins Auto, die Sitzaufnahme des Fahrers und die Verlademöglichkeit eines Rollstuhls im Kofferraum.

Das vorliegende Autoschema zeigt die Konturen eines PKW aus drei verschiedenen Perspektiven: die Frontalsicht auf die Fahrerseite bei geöffneter Tür, die Sicht von oben auf Fahrerseite bei geöffneter Tür und schließlich den seitlichen Blick auf den Kofferraumbereich bei geöffneter Heckklappe. Die eingerahmten Ziffern benennen ein genau definiertes Maß. Die Definitionen werden kurz vorgestellt, anschließend wird der Behinderungsbezug der Maße beschrieben. Es handelt sich bei den vorgestellten Problemzonen um:

Fahrersitz 1) Einstiegsweite
Türöffnung 2) Höhe
  3) Höhe Schwelle über Straße
Sitz 4) Höhe über Straße
  5) Abstand von Außenkante
Tür 6) Ausschlagweite
Kofferraum/Laderaum 7) Höhe außen
  8) Absenkung innen
  9) Griffhöhe, geöffnete Klappe
  • Abbildung der Seitenansicht Hinten
  • Abbildung der Aufsicht Innen
  • Abbildung der Seitenansicht Vorn

Die neun Messpunkte in Einzeldarstellung

1. Einstiegsweite

Das Maß präsentiert die Distanz zwischen der Armaturenverkleidung und der Sitzlehne des Fahrersitzes. Dies ist der Spielraum, der für den Transfer des Körpers (Rumpf) auf den Fahrersitz zur Verfügung steht.

Behinderungsbezug

Für Personen mit größeren Schwierigkeiten beim Einstieg, wie etwa Tetraplegiker, ist die Distanz zwischen der Armaturenverkleidung und der Sitzlehne des Fahrersitzes ausschlaggebend. Ebenso relevant ist dieser Raumbereich für das Einladen des Rollstuhls vom Fahrersitz aus. Für die meisten Betroffenen dürfte ein möglichst großer Abstand zwischen Armaturenverkleidung und Sitzlehne vorteilhaft sein. Kleinwüchsige Personen und Personen mit geringerer Armreichweite wiederum benötigen entsprechend weniger Platz. Deshalb wird bei diesem Maß ein Minimal- und ein Maximalwert bestimmt.

Personen, die aus ihrer Erfahrung ihren individuellen Optimalwert der Einstiegsweite kennen, können die Maßangabe annähernd als Eignungskriterium nutzen.
Wegen der meist gewölbten Flächen von Verkleidungen und Sitzen sowie unterschiedlichen Gestaltungen der weiter innen befindlichen Gegenstände (vor allem dem Lenkrad) kann die Zahlenwertangabe nicht als absolutes Vergleichskriterium sondern nur als Größenordnungs-Indikator betrachtet werden.
Anmerkung : Das räumlich ähnlich gelagerte Maß der Türöffnungsweite ist gegenüber der „Einstiegsweite“ zwar „anschaulicher“ jedoch weniger aussagekräftig, da die Türöffnungsfläche nur selten voll genutzt werden kann, siehe hierzu auch den Abschnitt 6. Tür, Ausschlagsweite. Deshalb bevorzugen wir die Einstiegsweite.

2. Türöffnung, Höhe

Dieser Messwert repräsentiert die Höhe, die für den Transfer des Körpers (Rumpf und Kopf) auf den Fahrersitz zur Verfügung steht.

Behinderungsbezug

Kleinere und durchschnittlich große Personen müssen dieses Maß weniger berücksichtigen. In aller Regel sind die Abmessungen von PKW-Fahrzeugen auf etwa 70 % der Bevölkerungs-Körpermaße abgestimmt. Relevant ist die Türöffnungshöhe aber für „größere“ Personen. Je höher, desto besser für den Einstieg ins Auto. Verstärkt gilt dies für Autofahrer mit Körperversteifungen, mit alternsbedingten Einschränkungen der Beweglichkeit, oder weil sie vom Rollstuhl aus einsteigen müssen. Gerade für Letztere gilt, dass eine große Türhöhe - besonders bei "großen" Menschen - die Rollstuhlverladung vom Fahrersitz aus erleichtert.

3. Türöffnung, Höhe Schwelle über Straße

Dieser Messwert repräsentiert die Höhe, die mit den Füßen und dem Unterschenkel zu überwinden ist.

Behinderungsbezug

Die Höhenposition des oberen Türschwellen-Randes hat vor allem für Querschnittgelähmte und Beinbehinderte Relevanz. Für diese Personengruppe ist es mühsamer, die Füße und Beine über besonders hochliegende Türschwellen zu befördern. Tieferliegende Türschwellen würden ihnen den Einstieg erleichtern.

4. Sitz, Höhe über Straße

Dieser Messwert repräsentiert die Sitzebene, auf die beim Einstieg Rumpf und Oberschenkel aus der stehenden Haltung abgesenkt werden müssen oder auf die Rollstuhlfahrer vom Rollstuhl aus rüber rutschen. Bei höhenverstellbaren Sitzen sollten logischerweise die Maximal- und Minimal-Maße der Sitzposition angegeben werden.

Behinderungsbezug

Die Höhenposition des Sitzes hat vor allem für Rollstuhlfahrer und für Personen mit Bein- oder Rumpfproblemen Relevanz. Für Rollstuhlbenutzer wäre eine exakt gleiche Höhe von Autositz und Rollstuhlsitz für den Transfer ideal. Markante Höhenunterschiede machen entweder den Einstieg oder den Ausstieg mühsam. Anders als eine exakte Niveauanpassung bei den Rollstuhlfahrern würde für behinderte Fußgänger generell eine möglichst große Höhe den Einstieg erleichtern.

Diese Konfiguration des Maßes hat auch für behinderte Fußgänger einen höheren Aussagewert, denn auch sie müssen sich zunächst auf die Sitzkantenwulst niederlassen und rutschen dann meist "von selbst" zur tiefer gelegenen Mitte des Sitzes.

5. Sitz, Abstand von Außenkante

Dieser Messwert repräsentiert die Distanz zwischen der äußeren Kante des Sitzes und der äußeren Kante des PKW in Höhe des Türschwellers.

Behinderungsbezug

Die baulich bedingte Distanz zwischen dem Autositz und der äußeren Türschwellerkante des Autos beeinflusst besonders Personen mit Beinbehinderung und mit generell schwacher Oberkörperkonstitution. Beide Personengruppen haben etwa bei größeren Abständen bedeutend mehr Schwierigkeiten, auf den Sitz zu gelangen.

Für Rollstuhlfahrer wird durch dickleibige Autowände und dadurch bedingten größeren Sitz-Außenabstand auch die Rollstuhlverladung vom Sitz aus erschwert. Sie müssen sich sehr weite hinausbeugen und das nicht unerhebliche Gewicht des Rollstuhls in ergonomisch und orthopädisch ungünstiger Haltung von Außen nach Innen hineinwuchten. Beim Ausladen des Rollstuhls tritt das gleiche Problem wieder auf.

So gilt, dass ein möglichst kleines Abstandsmaß den genannten Personengruppen den Einstieg und das Rollstuhlverlagen erleichtern dürfte.

6. Tür, Ausschlagsweite

Dieser Messwert repräsentiert das Maß, in dem sich der Türflügel aufschlagen lässt. Im Idealfall öffnet sich eine Autotür in einem Winkel von ca. 80 Grad, also fast rechtwinklig zur Türöffnung. Dabei würde die volle Türfläche freigegeben. Oft ist jedoch der Türausschlag mechanisch begrenzt und der Türflügel deckt einen Teil der Türöffnung ab – wie das auf dem Foto zu sehen ist.

Geöffnete Autotür
Behinderungsbezug

Rollstuhlfahrer sind auf einen weiten Türöffnungswinkel angewiesen, um ihren rollenden Sitz zum Transfer möglichst bündig parallel auf Höhe Vorderkante des Autositzes vorfahren zu können. Dafür ist ein großer Öffnungswinkel natürlich günstig.

Beinbehinderte "Fußgänger" können einen durch den Türöffnungswinkel begrenzten Einstieg prinzipiell in schräger Bewegungsrichtung voll ausnutzen. Für sie ist ein nur wenig ausgeschlagener Türflügel möglicherweise sogar sinnvoller, weil sie sich dabei bei Bedarf noch an der Oberkante des Türflügels festhalten können.

7. Kofferraum/Laderaum, Höhe außen

Dieser Messwert repräsentiert die Höhe, die zum Einladen von Gegenständen, wie einen Rollstuhl, zwischen Bodenebene und höchstem Punkt der Laderaum-Öffnung zu überwinden ist.

Behinderungsbezug

Beim Verladen von Gegenständen in den Lade- bzw. Kofferraum bestimmt vor allem die Höhe der Außenkante die Leichtigkeit oder Beschwerlichkeit des Vorgangs. Für Rollstuhlfahrer, die den Rollstuhl hinten verladen, also „noch stehen“ können, ist dieses Maß naturgemäß interessant. Eine möglichst niedrige Position der Außenkante würde das Einladen natürlich erleichtern.

8. Kofferraum/Laderaum, Absenkung innen

Dieser Messwert repräsentiert die Höhendifferenz, die für das Herausnehmen von Gegenständen (Rollstuhl) zwischen Laderaum-Fläche und höchstem Punkt der Außenkante der Ladeöffnung zu überwinden ist.

Behinderungsbezug

Der Verladevorgang des Rollstuhls wird komplettiert durch dessen Ausladen. Hierbei spielt eine tieferliegende Ladefläche eine Rolle, denn sie bestimmt, wie hoch ein vielleicht schwerer Gegenstand bis zur Außenkante gehoben werden muss, bevor er herausgenommen werden kann. Für Personen mit geschwächter Konstitution des Oberkörpers dürfte dies besonders relevant sein.

9. Kofferraum/Laderaumklappe oder -tür, Griffhöhe geöffnet

Dieser Messwert repräsentiert die Höhendifferenz zwischen der eöffneten Koffer-Laderaumklappe und Straße.

Behinderungsbezug

Bei Limousinen mit Hecktür öffnet sich diese meist weit nach oben. Für kleinwüchsige Personen und Rollstuhlbenutzer kann dabei der Klappenzugriff außer ihrer Reichweite liegen. Freilich ist gerade dies ein gutes Beispiel für den Einsatz eines kleinen „technischen Hilfsmittels“. Die vielleicht zu große Höhendifferenz kann mit einem an der Klappeninnenseite angebrachten Band oder Stab, an dem beim Zumachen der Heckklappe gezogen wird, recht einfach überwunden werden.

Autor

Edmund Friedrich ist Mitarbeiter der DIAS GmbH in Hamburg.
Die DIAS GmbH nimmt für Krankenkassen, Verbraucherschutzverbände und
Hersteller Hilfsmitteltests und -prüfungen vor und führt Marktanalysen im
Hilfsmittelbereich durch.

DIAS GmbH
http://www.dias.de


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