Informationsportal für Menschen mit Behinderung, die Auto fahren


Navigation

Suche

Inhalt

Fahrzeugumrüstung für kleinwüchsige Menschen

von Edmund Friedrich

Individuelle Mobilität ist ein wesentlicher Beitrag zur beruflichen und sozialen Integration. Damit kleinwüchsige Menschen aktiv Auto fahren können, müssen Fahrzeuge an deren individuelle Anforderungen angepasst werden. Es geht  nicht nur um Fahrzeugumrüstung für kleinwüchsige Menschen, sondern auch um Anforderungen an Fahrzeugmaße und Ausstattung, die bereits beim Kauf des Autos eine Rolle spielen. Darüber hinaus widmet sich der Text dem Ein-und Aussteigen.

Weiterhin stehen die Themen "Sicheres Fahren" und Informationen zu Umrüstbetrieben und Finanzierung im Mittelpunkt.

Worauf bei der Fahrzeugauswahl zu achten ist

Autos sind an den Anforderungen von Menschen mit durchschnittlicher Körpergröße ausgerichtet. Das kann kleinwüchsigen Autofahrern Probleme bereiten. Darauf sollten Sie bei der Fahrzeugauswahl achten.

Haben Sie Probleme beim Ein- und Aussteigen?

Die Einstiegshöhen von Fahrzeugen variieren häufig. Wichtige Einstiegsmaße sind die Höhen von Türschweller und Fahrersitz. Achten Sie beim Autokauf auf niedrige Einstiegshöhen und auf höhen- sowie längsverstellbare Fahrersitze. So ersparen Sie sich spätere Umrüstungen und Einbauten.

Erreichen Sie die Bedienhebel von Blinker, Wischer, Licht und Außenspiegel?

Damit Sie die verschiedenen Bedienelemente wie Blinker- und Wischerhebel, sowie den Lichtschalter erreichen können, sollten Sie überprüfen, ob sich der Fahrersitz ausreichend in Länge und Höhe einstellen lässt. Es könnten auch Hebelverlegungen für Blinker, Scheibenwischer und Licht vorgenommen werden; von manchen Herstellern werden diese schon ab Werk angeboten. Die Außenspiegel können bei immer mehr Fahrzeugen vom Fahrersitz aus elektrisch verstellt werden.

Erreichen Sie das Lenkrad?

Der Abstand von Lenkrad und Fahrersitz muss passen. Unter Umständen ist für Sie ein in der Höhe und der Reichweite verstellbares Lenkrad nötig. Viele Hersteller bieten ab Werk an, Autos mit längeren Lenksäulen oder Teleskop-Lenksäulen auszustatten. Der Sitz sollte möglichst weit nach vorn zu verschieben sein. Eventuell muss dafür eine längere Sitzschiene eingebaut werden. Bei vielen Herstellern kann man sie bereits ab Werk bekommen.

Können Sie die Pedale von Gas oder Bremse von der Sitzposition aus bedienen?

Lässt sich der Fahrersitz weit genug nach vorne verstellen? Dafür muss eventuell die Sitzschiene verlängert werden. Bei vielen Herstellern kann man diese Veränderung bereits ab Werk bekommen.

Entscheidend ist auch die Tiefe der Sitzfläche. In vielen Fällen ist sie zu lang, so dass Knie und Unterschenkel noch auf der Sitzfläche liegen und nicht gebeugt werden können. Manchmal kann die Rückenlehne weit genug nach vorn (steil) gestellt werden, damit man weiter vorn sitzt.

Ist vom Fahrersitz aus eine gute Rundumsicht gewährleistet?

Achten Sie darauf, ob aus der für Sie am besten geeigneten Sitzposition eine gute Rundumsicht gewährleistet ist. Für sicheres Rückwärtsfahren und Einparken gibt es inzwischen Parkhilfen.

Diese Fahrzeugumrüstungen können sinnvoll sein

Die richtige Auswahl des Autos ist wichtig, trotzdem sind oft zusätzliche Umrüstungen erforderlich. Ausgehend von dem, was Autofahrer tun, werden Umrüstmöglichkeiten vorgestellt, die kleinwüchsige Menschen bei diesen Aktionen unterstützen.

Eines vorab: was im Einzelfall an Umrüstung nötig ist, kann sehr unterschiedlich sein und lässt sich nicht aus einer bestimmten „Behinderung“ ableiten. Das gilt auch für kleinwüchsige Menschen. So zeigen die vorgestellten Umrüstungsangebote zwar auf, welche technischen Hilfen bestimmte Aktionen unterstützen können, was individuell in Frage kommt, muss aber im Einzelfall entschieden werden. Ein Beispiel: Während  für das Ein- und Aussteigen in einem Fall eine manuelle Trittstufe ausreicht, benötigt ein anderer Autofahrer eine Kombination von Trittstufe und Sitzflächenverkürzung. Es gilt, verschiedene Hilfen auszuprobieren, Rat bei Experten einzuholen, bevor eine aufwendige und teure Anpassung am Fahrzeug vorgenommen wird.

Ein- und Aussteigen

Beim Einstieg in das Auto müssen Sie den Türschweller überwinden und auf dem Fahrersitz Platz nehmen. Hierfür gibt es verschiedene Hilfen. Welche am besten geeignet ist, hängt von individuellen Anforderungen und Fahrzeugeigenschaften ab.

Trittstufen

Ist der Abstand zwischen Straße und Türschweller zu groß, erleichtern Trittstufen das Ein- und Aussteigen. Mit der Hand ausklappbare Trittstufen sind im Fahrzeug seitlich am Fahrersitz angebracht. Vom Fahrersitz oder per Fernbedienung elektrisch aus- und einfahrbare Trittstufen sind unterhalb des Fahrzeugbodens montiert.

Trittstufe unterhalb des Fahrzeugbodens
Trittstufe unterhalb des Fahrzeugbodens (Quelle: SW-Rehamobil)
 
Trittstufe manuell ausklappbar
Trittstufe manuell ausklappbar (Quelle: HAAG Rehatechnik) 
So funktioniert die Trittstufe

Die meist schmalen Trittflächen bestehen aus Stahl- oder Aluminiumblechen mit ausgeprägter, rutschsicherer Profilierung. In der Regel kommen Trittstufen bei den etwas höher gelegenen Einstiegen von Bussen und Minivans zum Einsatz, der Einbau bei kleineren Fahrzeugen ist jedoch ebenfalls möglich. Für Fälle, in denen eine einfache Trittstufe nicht ausreichend ist, gibt es auch doppelte Trittstufen. Die nachträglich angebrachten Trittstufen können von Hand ausgeklappt oder mit einem elektrischen Antrieb unter den Fahrzeugboden ein- und ausgefahren werden.

Tipps

  • Bevor Sie eine Trittstufe einbauen lassen, probieren Sie es mit einem einfachen Tritthocker. Möglicherweise reicht diese kleine Anschaffung aus.
  • Eine manuelle Trittstufe ist weniger störanfällig als eine elektrische. Denn die elektrisch bedienbare Trittstufe ist außen angebracht, also Witterungseinflüssen ausgesetzt.

Aufstehhilfen

Höhenunterschiede beim Ein- und Aussteigen können auch mit Aufstehhilfen überwunden werden. Die Aufstehhilfe wird beim Einstieg von der Stehposition aus auf die Höhe des Autositzes, beim Aussteigen von der Sitzposition aus in die Stehposition gefahren. Ein elektrisch bedienbares Sitzbrett wird seitlich am Fahrersitz montiert.

So funktioniert die Aufstehhilfe

Ein schmales Sitzbrett ist an einem Ausleger neben dem PKW-Sitz positioniert. Der Ausleger ist vertikal verschiebbar am Türholm der Vordertür (B-Säule) angebracht und kann bis zu einer Höhe von ca. 80 cm über dem Boden angehoben werden. Zur Benutzung rutscht der Fahrer auf das Sitzbrett und betätigt die Fernbedienung der Hubeinrichtung. Der Benutzer muss während des Hubvorgangs aus eigener Kraft eine stabile Körperhaltung bewahren.

Bei einer in den Autositz eingebauten Aufstehhilfe wird die Sitzfläche per Knopfdruck über einen Elektromotor angehoben und seitlich nach außen versetzt. Die maximale Hubhöhe richtet sich nach dem Fahrzeugtyp und kann bis zu ca. 90 cm über dem Boden betragen. Der Benutzer muss während des Hubvorgangs aus eigener Kraft eine stabile Körperhaltung bewahren.

Tipps

  • Aufstehhilfen kommen in Betracht, wenn individuelle Einschränkungen die Nutzung einer Trittstufe nicht mehr erlauben.

Sitzschienenverlängerung

Trittstufe und Aufstehhilfe reichen möglicherweise nicht aus. In vielen Fällen muss der Sitz für das Einsteigen verschoben werden. Gegebenenfalls muss die Sitzschiene dafür verlängert werden.

So funktioniert die Sitzschienenverlängerung

Sitzschienenverlängerungen ermöglichen je nach Bedarf ein weites Vor- oder Zurückschieben des Sitzes. Durch den Raumgewinn beim weiten Zurückschieben des Sitzes kann das Ein- und Aussteigen erleichtert werden. Durch weites Vorschieben des Sitzes können Bedienelemente besser erreicht werden.

Sitzhöhenverstellung

Trittstufen werden oft mit einer Sitzhöhenverstellung kombiniert. Mit dieser kann der Sitz tief genug abgesenkt werden.

Sicheres Fahren

Vor dem Losfahren müssen Sie eine optimale Sitzposition einnehmen. Dazu gehört, dass Sie das Lenkrad und die Hebel oder Griffe von Blinker, Wischer und Licht sowie die Pedale erreichen, Gangschaltung, Automatikwahlhebel und Feststellbremse bedienen und schließlich den Sicherheitsgurt anlegen können.

Lenkrad erreichen

Wenn Sie trotz Sitzverstellung und Sitzschienenverlängerung aus der Sitzposition heraus das Lenkrad nicht erreichen können, hilft eine verlängerte Lenksäule oder eine Teleskop-Lenksäule.

Verschiedene Lenksäulen:
Verlängerte Lenksäule (Quelle: Haag - Rehatechnik)
 
verlängerte Lenksäule
Teleskop-Lenksäule ausgefahren (Quelle: Felitec)
 
ausgefahrene Teleskoplenksäule
Teleskop-Lenksäule eingerückt (Quelle: Felitec)  
So funktionieren Lenksäulenverlängerung und Teleskop-Lenksäule

Verlängerte Lenksäule: Die verlängerte Lenksäule sollte neigungs- und höhenverstellbar sein. Mit dieser Lenksäulenverlängerung kann das Lenkrad in der Höhe, im Winkel und in der Distanz an die unterschiedlichen Körpergrößen derjenigen, die das Fahrzeug lenken, angepasst werden.

Teleskop-Lenksäule: Mit der Teleskop-Lenksäule lässt sich das Lenkrad horizontal dicht an den Sitz heranziehen.

Lenkrad umfassen und bedienen

Wenn Sie das Lenkrad nicht umfassen und bedienen können, hilft der Einbau einer Linear-Hebel-Lenkung. Die Lenkbewegungen werden mittels eines Hebels ausgeführt. Dabei wird der Hebel vor- oder zurückbewegt. Die Linear-Hebel-Lenkung wird auch in der Form eines Fahrradlenkers angeboten, die Lenkbewegung erfolgt wie beim Fahrradfahren

Fahrradlenker
Fahrradlenkung (Quelle: SW-Rehamobil) 
So funktioniert die Linear-Hebel-Lenkung

Die Linear-Hebel-Lenkung kommt für unterschiedliche Einschränkungen in Betracht. Das Bedienteil kann individuell an unterschiedliche Anforderungen und Reichweiten angepasst werden. Möglich ist die Betätigung mit der Hand, einem Finger, dem Knie oder mit den Zehen des Fußes. Die Montage erfolgt meist parallel zur vorhandenen Lenkradlenkung, die nicht verändert oder entfernt wird. So bleibt die originale Bedienung des Autos erhalten.

Pedale erreichen

Wenn die Pedale für Gas, Bremse und Kupplung vom Sitz aus nicht erreichbar sind, können diese Pedale erhöht oder verlängert werden. Wenn Sie den Sitz noch weiter nach vorn schieben möchten, hilft eine Sitzschienenverlängerung.

So funktioniert die Pedalanpassung

Die Pedalanpassung erfolgt meist durch aufmontierte Zusatzteile. Durch die Zusatzmontage bleibt die originale Pedal-Ausstattung des Autos erhalten. Statt einer Festmontage können die Verlängerungsteile auch einzeln oder blockweise abnehmbar angebracht werden, um die kurzfristige Benutzung durch andere Personen zu ermöglichen. Für den gleichen Zweck werden Pedalanpassungen angeboten, die beiseite geklappt werden können.

Fussgasverlegung nach links
Fussgasverlegung (Quelle: Petri und Lehr)
 
Pedalsperre
Pedalsperre (Quelle: HAAG Rehatechnik) 

Tipps

  • Das Erreichen der Pedale kann in vielen Fällen auch durch eine kürzere Sitzfläche erleichtert werden. Dadurch wird verhindert, dass Knie und Unterschenkel noch auf der Sitzfläche liegen und nicht richtig gebeugt werden können. Die Sitzfläche lässt sich einfach verkürzen durch ein möglichst dickes und steifes Kissen, das zwischen Rücken und Rückenlehne geklemmt wird.

Hebel erreichen

Damit die Hebel von Blinker, Licht und Scheibenwischer erreichbar sind, können sie verlegt werden. Die Funktionen können auch mit einer multifunktionalen Fernbedienung betätigt werden. Wenn die Griffstange der Feststellbremse zu weit entfernt ist, hilft eine Löse- und Feststellvorrichtung, wodurch die Griffstange verlängert wird. Zur besseren Erreichbarkeit des Schalthebels der Gangschaltung und des Automatikwahlhebels lässt sich der Wahlhebel verlängern.

Tipps

  • Achten Sie beim Kauf des Fahrzeuges darauf, dass die Außenspiegel elektrisch einstellbar sind.

Umrüstbetriebe und Finanzierung

Fahrzeugumrüstungen für kleinwüchsige Menschen werden von spezialisierten Umrüstbetrieben vorgenommen. Diese beraten auch, wenn es darum geht herauszufinden, welche Umrüstung die am besten geeignete ist und für welche Fahrzeuge diese in Frage kommt. Unter dem Stichwort UMRÜSTUNG unter www.autoanpassung.de  findet sich eine Adressliste von Umrüstbetrieben in Deutschland. Behinderte Menschen haben einen Anspruch auf finanzielle Unterstützung bei notwendigen Fahrzeugumrüstungen. Unter dem Stichwort FINANZIERUNG unter www.autoanpassung.de finden sich Informationen darüber, was im Rahmen der Kraftfahrzeughilfe an finanzieller Unterstützung möglich ist. www.autoanpassung.de informiert über alle Themen, die für Autofahrer und Autofahrerinnen mit Einschränkungen relevant sind. Ein Ziel des Projektes ist es – jeweils zu spezifischen Anforderungen–, technische Möglichkeiten der Autoumrüstung vorzustellen und damit behinderte Menschen bei der Auswahl geeigneter Hilfsmittel zu unterstützen. Zum Jahresbeginn 2009 gibt es zu den Themen Führerschein, Finanzierung, Umrüstung sowie in der Infothek nützliche Informationen, die in Zukunft weiter ausgebaut werden sollen.

www.autoanpassung.de

Gefördert wird www.autoanpassung.de vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, durchgeführt wird das Projekt von der DIAS GmbH, Hamburg, gemeinsam mit Partnern. Auch die BAG Selbsthilfe beteiligt sich mit den Erfahrungen ihrer Mitglieder am Projekt.

Der Autor

Edmund Friedrich ist Mitarbeiter der DIAS GmbH, Hamburg.

Adresse:
DIAS GmbH
Schulterblatt 36
20357 Hamburg

http://www.dias.de

 


nach oben